Überlieferte ethische Begriffe ordnen verschiedene Seiten des Zusammenlebens. Manche benennen eine Beziehung, andere beschreiben die Eigenschaften, die sie tragen sollen. Wieder andere legen Aufgaben und Entscheidungsbefugnisse innerhalb einer historischen Familie fest. Wulun, Wuchang, Bade sowie Sancong und Side gehören zu diesen verschiedenen Gruppen. In den Unterweisungen werden sie als vertraute Maßstäbe des Handelns angeführt. Ihre nähere Bedeutung erschließt sich aus den Schriften, in denen einzelne Reihen ausgeführt sind. Verlässlichkeit betrifft etwa die Qualität einer Handlung; Freundschaft benennt eine Beziehung, und eine Witwenregel bestimmt Erwartungen an einen besonderen Lebensstand.
Die fünf Beziehungen, Wulun, stehen im Kapitel Teng Wen Gong I des Mengzi in einer bestimmten Folge. Vater und Sohn sollen durch Zuneigung verbunden sein, Herrscher und Amtsträger durch Rechtschaffenheit. Ehemann und Ehefrau werden unterschiedliche Rollen zugewiesen; zwischen Älteren und Jüngeren gilt eine Ordnung, zwischen Freunden Verlässlichkeit. Die Pflichten ergeben sich jeweils aus der Verbindung der Beteiligten. Zuwendung und gegenseitige Erwartungen erhalten so einen Platz im familiären und öffentlichen Leben. Zugleich enthält die Reihe Rangverhältnisse: Die Verantwortung eines Herrschers unterscheidet sich von der Aufgabe eines jüngeren Angehörigen oder von den Erwartungen unter Freunden.
Die fünf beständigen Tugenden, Wuchang, beschreiben die Qualität des Handelns. Ren bedeutet menschliche Zuwendung; Yi verlangt eine Entscheidung für das Rechte und Angemessene. Li gibt Achtung durch geordnete Umgangsformen Ausdruck. Zhi bezeichnet das Vermögen, zu unterscheiden und ein Urteil zu bilden. Xin macht Worte und Zusagen verlässlich. Diese Zusammenstellung ist in den Aussagen Dong Zhongshus im Hanshu überliefert; eine Anmerkung zu Yinlü wuqing schreibt sie ebenfalls aus. Die fünf Eigenschaften können im selben Geschehen zusammenwirken: Fürsorge braucht etwa Aufmerksamkeit für den Menschen, ein angemessenes Vorgehen und ein Wort, auf das er sich verlassen kann.
Unter der Bezeichnung Bade, acht Tugenden, sind je nach Überlieferung verschiedene Reihen bekannt. In Wang Yangmings Schrift zur Erziehung von Kindern lautet eine davon Xiao, Ti, Zhong, Xin, Li, Yi, Lian und Chi. Dazu gehören Achtung der Eltern und älteren Geschwister, gewissenhafte Loyalität, Verlässlichkeit, angemessene Umgangsformen, Rechtschaffenheit, Unbestechlichkeit und Scham über eigenes Fehlverhalten. Die familiären Bindungen gehen hier mit öffentlicher Verantwortung und persönlicher Selbstprüfung zusammen. Ein eigener Vorteil soll das Urteil über das Rechte ebenso wenig verdrängen wie ein gegebenes Versprechen. Die Reihe beschreibt damit mehrere Eigenschaften, die sich gegenseitig im täglichen Handeln stützen sollen.
Eine politische Erziehungsrede aus der republikanischen Tradition führt Zhong, Xiao, Ren, Ai, Xin, Yi, He und Ping an: Loyalität, Elternachtung, Menschlichkeit, Liebe, Verlässlichkeit, Rechtschaffenheit, Eintracht und Frieden. Gemeinsame Bezeichnungen verbinden sie mit der zuvor genannten Reihe, während Liebe, Eintracht und Frieden besondere Akzente setzen. Der Ausdruck Bade allein legt deshalb noch keine überall identische Liste fest. In den Gesprächen ruft der Richter zur Achtung der acht Tugenden auf, ohne stets ihre einzelnen Namen zu nennen. Die verschiedenen historischen Zusammenstellungen geben diesem knappen Ausdruck jeweils einen näher bestimmten Inhalt und einen eigenen Anlass seiner Verwendung.
Die drei Folgepflichten, Sancong, betreffen die Autorität über eine Frau in verschiedenen Lebensphasen. Die Erläuterung zum Trauerritual des Yili nennt den Vater vor der Heirat, den Ehemann während der Ehe und den Sohn nach dem Tod des Mannes. Die Abfolge bestimmt, wem die Frau folgen soll, und ordnet die maßgebende Entscheidungsmacht jeweils einem männlichen Familienmitglied zu. Die historischen Rollen sind damit ungleich verteilt. Die vier weiblichen Tugenden, Side, betreffen daneben mehrere Bereiche ihres eigenen Verhaltens. Beide Gruppen betreffen die weibliche Lebensführung, setzen jedoch an unterschiedlichen Seiten dieser Familienordnung an.
Ban Zhaos Nüjie beschreibt im Kapitel über weibliches Verhalten sittliche Haltung, bedachte Rede, gepflegtes Auftreten und häusliche Arbeit. Wortwahl, körperliche Sauberkeit, Spinnen, Weben und die Versorgung von Gästen gehören zu den genannten Aufgaben. Der Richter betont aus diesem weiteren Umfeld besonders die Keuschheit. Er erkennt zugleich an, dass Frauen heute höhere Bildungsabschlüsse erwerben, berufstätig sind und Männern in der Arbeitsleistung teilweise überlegen sein können. Seine Kritik richtet sich auf den Einfluss von Fernsehen und Internet; als Gegenbild nennt er ältere Anforderungen bis hin zu Gang und Stimme. Berufliche Anerkennung und die Forderung nach dieser überlieferten Lebensführung stehen in seiner Rede zusammen.
原节 2.6 · Dankbarkeit, Groll und offene Ansprüche
Eine Beziehung kann Hilfe, Verletzungen und unerfüllte Erwartungen aus früheren Begegnungen mitbringen. Der Gedanke fortgesetzter Existenzen verleiht solchen Bindungen einen langen zeitlichen Zusammenhang. Bao’en bezeichnet das Erwidern einer Wohltat: Ein Wesen sucht die Gelegenheit, empfangene Hilfe zurückzugeben. Baoyuan richtet sich auf erlittenes Unrecht, das als Groll weiterbesteht. Dankbarkeit und Groll haben damit jeweils eine Vorgeschichte und eine Richtung auf einen anderen hin. Beide können neue Begegnungen prägen. In den Erläuterungen zu Eltern und Kindern erscheinen sie als mögliche Beweggründe einer Verbindung, deren weiterer Verlauf durch gegenwärtiges Handeln mitgestaltet wird.
Taozhai, einen Anspruch einfordern, und Huanzhai, eine Schuld begleichen, betrachten die Verbindung von zwei Seiten. Jemand erwartet einen Ausgleich, während ein anderer etwas zurückzugeben hat. Dabei kann es um Geld gehen, ebenso um Fürsorge, eine Lebensrettung oder den durch eine Verletzung entstandenen Anspruch. In einer Antwort nennt der Richter zunächst diese beiden Formen; andere Antworten führen Dankbarkeit und Groll näher aus. Zusammen beschreiben die vier Ausdrücke mehrere mögliche Beweggründe des Wiederbegegnens. Eine einzelne Beziehung kann im Laufe ihrer Geschichte verschiedene davon enthalten, weil Hilfe und Schädigung zu unterschiedlichen Zeiten hinzukommen können.