„Wie Sie befehlen, Richter der Unterwelt!“
Jetzt sehe ich viele Menschen vor uns. Dort steht ein sehr breiter, großer ovaler Spiegel. Der Richter der Unterwelt sagt, dies sei das Podest des Schuldspiegels. Ganz oben am Spiegel steht: „Vor dem Podest des Schuldspiegels steht kein guter Mensch.“ Der Richter der Unterwelt lässt mich seine Maße nehmen.
Das Podest des Schuldspiegels ist etwa 3,3 Meter hoch und 1,8 Meter breit. Soweit ich sehen kann, wird der Schuldspiegel von einem rechteckigen blaugrünen Holzsockel mit eingeschnitzten Reliefmustern getragen. Die Vorderseite des Spiegels besteht aus kostbarem Glas. Sein Rand ist von blaugrünen hölzernen Reliefverzierungen eingefasst. Das kostbare Glas dient als große Leinwand, auf der die schuldhaften Handlungen aus dem gesamten Leben eines schuldbeladenen Geistes abgespielt werden. Die blaugrünen hölzernen Reliefverzierungen des Schuldspiegelpodests geben ein flackerndes, fahles Leuchten ab. Zusammen mit den grausamen, grimmigen Geisterschergen daneben wirkt das äußerst furchterregend! Dazu werden auf dem Schuldspiegelpodest die verborgenen bösen Taten mancher schuldbeladener Geister gezeigt, von denen zu ihren Lebzeiten niemand wusste. Nun stehen die Täter zusammen mit den Beweisen vor aller Augen. Bei diesem Anblick gefriert einem wahrhaftig das Blut in den Adern, und alles wird noch entsetzlicher!
Die schuldbeladenen Geister hier haben alle gerade erst das Ende ihrer Lebensspanne erreicht. Sie spüren bereits die Atmosphäre der Unterwelt und machen größtenteils bekümmerte Gesichter. Eben hörte ich einen Mann sagen: „Ich habe mein ganzes Leben lang weder jemanden ermordet noch Feuer gelegt. Warum schleppt ihr mich hierher? Lasst mich hinaus!“ Ich sehe, wie zwei grausame Geisterschergen einen Mann heranzerren und ihn mit einem kräftigen Stoß vor das Podest des Schuldspiegels schieben. Unter großen Schmerzen wird er gezwungen, auf die Knie zu fallen. Sofort erscheinen auf dem breiten Schuldspiegel Szenen seines sexuellen Fehlverhaltens aus seinem ganzen Leben, und zwar mit mehr als einer Frau. Es ist schlicht unerträglich anzusehen. Das kann man nur extremes sexuelles Fehlverhalten nennen. Er hatte seine rechtmäßige Ehefrau damit so sehr gekränkt, dass sie ans Krankenbett gefesselt vor Kummer starb. Zum Glück können diese Dinge mich nicht beeinflussen, sonst müsste ich mir nach dem Ansehen die Augen auswaschen! Inzwischen zittern dem schuldbeladenen Geist beide Beine, und die Geisterschergen zerren ihn fort.
Nun sehe ich mir den nächsten schuldbeladenen Geist an, eine Frau. Sie sieht kultiviert aus und hat ein anständiges Äußeres. Welche Verfehlung mag sie begangen haben? Der Schuldspiegel zeigt, dass die Frau sich einer befreundeten Person angeschlossen und einen männlichen buddhistischen Laien verleumdet hatte, der die Gebote streng einhielt und den Dharma verbreitete. Diese schuldbeladene Frau hatte selbst den Buddhismus studiert und besaß sogar sehr umfassende Kenntnisse der buddhistischen Lehre. Leider hatte sie aus Neid absichtlich diesen streng gebotstreuen Verkünder des Dharma verleumdet und behauptet, er habe eine gewisse Person vergewaltigt. Weil die Verleumdung Erfolg hatte, kam niemand mehr, um seine Darlegungen des Dharma zu hören. Dem Laien blieb nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen und in Abgeschiedenheit zu praktizieren.
Die Verleumdung dieses Laien durch den schuldbeladenen Geist der Frau war noch schlimmer als die durch die befreundete Person. Diese Person besaß weniger Kenntnisse des Buddha-Dharma als der schuldbeladene Geist und gehörte zu den Menschen, denen Weisheit fehlt und die nur nachreden, was andere sagen. Die befreundete Person hatte sich lediglich der Verleumdung durch andere angeschlossen. Dieser schuldbeladene Geist jedoch hatte planvoll jede erdenkliche Methode eingesetzt, um den Laien zu verleumden, bis der Laie sich schließlich zum Praktizieren in die Abgeschiedenheit zurückzog.
Wegen ihrer Verleumdung hatte die Frau auch Rachenkrebs bekommen und zugleich Komplikationen erlitten. Aus Mund und Nase war über lange Zeit Eiter geflossen. Sie hatte im Krankenhaus gelegen und intravenöse Infusionen erhalten, bis ihre Lebensspanne unter Schmerzen zu Ende gegangen war. Jetzt weiß der schuldbeladene Geist der Frau bereits, dass ihr großes Unheil bevorsteht. Sofort fällt sie auf die Knie und fleht um Gnade. Ein Geisterscherge stößt ihr grausam eine Gabel in den Mund und sagt: „Mal sehen, ob du es künftig noch wagst, den rechten Dharma zu verleumden und anderen das Weisheitsleben abzuschneiden! Jetzt gehst du vor Yanwang!“ 115
Der Geist dieser Frau ist wirklich bedauernswert! Hätte sie gewusst, dass es so kommen würde, warum hätte sie dann damals so gehandelt? Die Verbreitung des rechten Dharma zu zerstören bedeutet, fühlenden Wesen den Weg zur Befreiung abzuschneiden. Das ist böses Karma, das schwere Vergeltung in den Höllen nach sich zieht. Die Gesetze der Unterwelt sehen vielerlei Strafen vor, um Verleumder zu bestrafen. Doch wenn sie diese Höllenvergeltungen endlich vollständig erlitten haben, wer weiß, in welchem Jahr und Monat das dann sein wird und in was für einer Welt!
Dahinter zieht sich noch eine lange Schlange hin. Alle schuldbeladenen Geister stehen an. Es sind so viele, dass die Schlange schier endlos erscheint. Sie alle müssen sich vor dem Schuldspiegelpodest zeigen. Daran sieht man, dass es in der Menschenwelt wirklich viel, viel zu viele gibt, die böses Karma erzeugen!
Aus Zeitgründen habe ich heute nur wenige Fälle gesehen. Eigentlich ist es ziemlich belastend, sich dieses „Podest des Schuldspiegels“ anzusehen, denn dort werden ausschließlich Verstöße gegen die Gebote gezeigt. Neben Dingen, die für Kinder ungeeignet sind, gibt es auch viele entsetzliche, blutige Ereignisse: blutige Mordszenen, die verschiedensten Szenen, in denen Menschen misshandelt und verstümmelt werden, gegenseitige Intrigen und vieles mehr. Ach!!! Es ist mir unmöglich, in dieser kurzen Zeit jeden schuldbeladenen Geist einzeln zu befragen, und ich möchte auch nicht zu vieles ausführlich beschreiben. Würde ich alles genau beschreiben, würde dieses Buch „Die unerbittlichen Gesetze der Unterwelt“ gewiss zu einem extrem schrecklichen Buch voller Grauen werden.