Mir fällt auf, dass jede Hölle ein bestimmtes Merkmal besitzt: Noch bevor man durch das Tor tritt, hört man ohrenbetäubende Schmerzensschreie und Stöhnen. Dies ist ein unveränderliches Merkmal der Hölle. Deshalb ist es keineswegs falsch zu sagen, dass das größte Leiden in der Hölle herrscht. Kommt auf keinen Fall in die Hölle! Nun sehe ich einige weibliche Geister, die von vielen Yakṣas in sehr kleine, runde, rote Eisenhöhlungen getrieben werden, in denen ein widerlicher Blutgeruch herrscht. Jeder Geist bekommt eine eigene Eisenhöhlung. Diese Höhlungen sind so klein – wie man sie auch hineinzuzwängen versucht, die Körper der weiblichen Geister passen einfach nicht hinein! Die weiblichen Geister machen kehrt und laufen davon, doch es nützt nichts. Die Yakṣas sind äußerst grausam! Laut und wütend brüllend spießen sie die weiblichen Geister mit ihren spitzen Gabeln auf und zwängen sie gewaltsam in die Eisenhöhlungen. Die weiblichen Geister bluten am ganzen Körper, Hände und Füße werden abgetrennt. Schließlich sind sie vollständig hineingepresst. Dann fächeln die Yakṣas mit einem Fächer auf die Eisenhöhlungen zu, und die weiblichen Geister sind vollständig wiederhergestellt, als wäre ihnen nichts geschehen. Nun holen die Yakṣas Haken hervor, die wie spitze Messer geformt sind, und zerren die weiblichen Geister damit heraus. Diese schreien vor Schmerzen entsetzlich auf, doch es ist überhaupt nicht möglich, sie herauszuziehen. Die Yakṣas nehmen daraufhin Scheren und schneiden die weiblichen Geister Stück für Stück heraus. Blut bedeckt den Boden. Sobald alle Körperteile draußen sind, saugen die Yakṣas sie mit einem Saugnapf wieder zusammen, und die Geister werden erneut lebendig. So wiederholt sich der Kreislauf, und diese qualvolle Strafe geht immer weiter. Ach! Es ist wirklich zu entsetzlich. Ich möchte nicht weiter zusehen. Es ist einfach zu schmerzhaft! Amitābha! Tut niemals etwas, das anderen schadet. Diese Qual ist wer weiß wie viele Hundert- oder Tausendmal schlimmer als die Schmerzen einer Geburt!
Vielen Dank für Ihre Mühe, Richter der Unterwelt! Ich, Ayu, lege vor Ihnen die Handflächen zusammen! Auf der weißen Lotusblüte kehre ich zurück.
23. Kind, bitte weine nicht – Der Richter der Unterwelt erklärt ausführlich, wie sich die Folgen einer Abtreibung wiedergutmachen lassen
Dankbar für den Beistand durch Buddhas Kraft! Auf der weißen Lotusblüte breche ich auf!
Amitābha! Ich, Ayu, werfe mich ehrerbietig vor dem Richter der Unterwelt nieder!
Heute möchte ich den Richter der Unterwelt fragen: „Welche Möglichkeiten gibt es, die Folgen einer Abtreibung wiedergutzumachen, und wie betrachten Sie diese Frage der Wiedergutmachung?“
Der Richter der Unterwelt sagte: „Aus welchem Grund es bei Eltern in der Menschenwelt auch zu einem Abort kommt: Sobald dieser eingetreten ist, ist das Karma des Tötens entstanden. Im Buch von Leben und Tod der Hölle wird bereits verzeichnet, in welchem Jahr und Monat sie einen noch ungeborenen Säuglingsgeist getötet haben. Nach ihrem Lebensende werden sie in die große Halle der Unterwelt in der Hölle gebracht, um gerichtet und bestraft zu werden. Wenn es jedoch daran lag, dass der Säuglingsgeist selbst nicht genügend Segnungen für eine Geburt in der Menschenwelt besaß, müssen solche Eltern nicht zur Bestrafung in die Hölle. Doch auch sie müssen ihr eigenes Karma und ihre geringen Segnungen bereuen, derentwegen sie das Kind nicht erfolgreich in die Menschenwelt bringen konnten. Sie müssen bereuen und Verdienste widmen, in der Hoffnung, dass der Säuglingsgeist bald aufsteigen und auf einem guten Daseinsweg wiedergeboren werden kann. Alles ist durch Ursache und Wirkung miteinander verbunden. Wenn ein Säuglingsgeist in einen Mutterleib eintreten kann, bestehen zwischen ihm und den werdenden Eltern unzählige karmische Verbindungen aus guten und schlechten Taten vergangener Leben. Stirbt er jedoch vor der Geburt, so liegt dies an festgelegtem Karma gemäß den Gesetzen der Unterwelt, das sich nicht ändern lässt. Es ist dadurch verursacht, dass sowohl der Säuglingsgeist als auch die werdenden Eltern in vergangenen Leben bereits Karma des Tötens, des Stehlens und des sexuellen Fehlverhaltens geschaffen haben.71
Eine Abtreibung ist für den Säuglingsgeist schmerzhaft. In den meisten Fällen müssen die werdenden Eltern später dieselben Schmerzen, die der Säuglingsgeist ertragen hat, noch einmal selbst erleiden. Zudem gibt es zwei Faktoren, durch die sich die Dauer der Strafe verdoppelt. Der erste ist ein langer zeitlicher Abstand: Dann muss die Dauer verdoppelt werden. Mit einem langen zeitlichen Abstand ist die Zeit gemeint, die seit der Abtreibung verstrichen ist. Wenn die werdenden Eltern weiterhin keine Reue zeigen, so tun, als wäre nichts geschehen, und nicht an den Kreislauf von Ursache und Wirkung und karmischer Vergeltung glauben, während allein der Säuglingsgeist in der ‚Klagestadt der zu Unrecht Gestorbenen‘ in der Hölle schmerzvoll weint, leidet und Groll hegt, dann zieht sich sein Leiden immer weiter hin und sein Groll wird immer tiefer. In manchen Fällen besitzen die werdenden Eltern in der Menschenwelt große Segnungen, weshalb sie vorerst nicht sofort von der Vergeltung getroffen werden. Man muss warten, bis ihre Segnungen aufgebraucht sind. Bei manchen tritt die Vergeltung vielleicht erst im nächsten Leben ein. In solchen Fällen vergeht entsprechend mehr Zeit. Doch die in den Gesetzen der Unterwelt wirkenden Zusammenhänge von Ursache und Wirkung geraten niemals durch den Wandel von Zeit, Epoche oder äußerer Gestalt durcheinander. Es bleibt nicht ohne Vergeltung; nur ist die Zeit dafür noch nicht gekommen. Das Gesetz von Ursache und Wirkung kennt nicht die geringste Abweichung. All die karmischen Kräfte, die sich in dieser Zeit durch Ursache und Wirkung bilden, werden auf die Eltern zurückfallen, die die Abtreibung vornehmen ließen. Deshalb müssen alle werdenden Eltern, die eine Abtreibung vornehmen ließen, so bald wie möglich aufrichtige Reue entwickeln und sich diesem Problem stellen, um es zu lösen. Andernfalls werden sie unweigerlich von der karmischen Kraft getroffen, mit der der Säuglingsgeist Schulden einfordert, und können auch der unerbittlichen Vergeltung nach den Gesetzen der Unterwelt nur schwer entgehen.
Der zweite Faktor ist ein Säuglingsgeist mit besonders starker Anhaftung: Auch dann muss die Dauer der Strafe verdoppelt werden. Bei den Eltern in der Menschenwelt wiegt nach einer Abtreibung besonders die Schuld der Mutter schwerer, denn sie ist es, die letztlich über die Abtreibung entscheidet. Viele Mütter in der Menschenwelt beschließen erst im letzten Augenblick, doch keine Abtreibung vornehmen zu lassen. Solche Mütter können die Verdienste und guten Taten einer Lebensrettung ansammeln. Trifft man jedoch auf einen Säuglingsgeist mit starker Anhaftung, handelt es sich meistens um ein Kind, das zur Wiedergeburt gekommen ist, um eine Schuld einzufordern, unglücklicherweise aber erneut das Schicksal einer Abtreibung erfährt. Dadurch wird diese unheilvolle karmische Verbindung sehr tief. Das heißt: Schon beim Eintritt in den Mutterleib bestand tiefer Groll. Dazu kommen nun noch die Schmerzen und der Groll infolge der Abtreibung. Diese unheilvolle Verbindung wird dadurch so tief, dass sich beim Eintritt der Vergeltung die Dauer der Strafe verdoppeln muss.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die Folgen einer Abtreibung wiedergutzumachen. Die eine beruht auf innerer Kraft, nämlich darauf, sie durch die Kraft aufrichtiger Reue im Herzen aufzulösen. Die andere beruht auf äußerer Kraft: Man sammelt Segnungen und tut Gutes, um den Groll des Säuglingsgeistes über das Geschehene allmählich zu vermindern und aufzulösen. Nur mit diesen beiden Methoden ist Wiedergutmachung möglich. Wie viel Zeit in einem einzelnen Fall benötigt wird, lässt sich nicht pauschal sagen. Natürlich dauert es bei einer größeren Zahl von Abtreibungen entsprechend länger, denn jede Abtreibung knüpft eine unheilvolle karmische Verbindung zu einem Säuglingsgeist. Wie tief diese Verbindung reicht, hängt vom Karma ab, das die werdenden Eltern und dieser Säuglingsgeist in vergangenen Leben miteinander geschaffen haben. Bestand eine gute karmische Verbindung, ist es etwas günstiger. Er kam, um empfangene Güte zu vergelten, und so wird es später von selbst weniger Schwierigkeiten geben. Doch da die Abtreibung dem Säuglingsgeist Schmerzen zufügt, verwandelt sich die ursprünglich gute Verbindung in eine unheilvolle. Kam er aufgrund einer unheilvollen Verbindung, wird durch die Abtreibung das Leid noch verschlimmert und der Groll noch tiefer. Jede Abtreibung verursacht dem Säuglingsgeist große Schmerzen. Wie groß diese Schmerzen sind, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Grundsätzlich nehmen sie mit der Größe des Fötus allmählich zu: Je größer der Fötus, desto größer die Schmerzen und desto stärker auch der Groll.72