Die schuldige Geisterfrau weinte traurig und sagte: „Zu Lebzeiten hatte ich ein äußerst schlechtes Temperament und beschimpfte jeden Tag andere Menschen. Ich beschimpfte jeden, ganz gleich wen. Sobald mir etwas auch nur ein wenig nicht passte, überschüttete ich den Betreffenden unweigerlich laut und zornig mit bissigen, gehässigen Worten. Sogar wenn schlechtes Wetter etwas beeinträchtigte, das ich vorhatte, schimpfte ich: Verdammter, elender Himmel! Dieser verflixte Regen! Es ist zum Sterben ärgerlich! Meine Schwiegermutter und meine Töchter beschimpfte ich erst recht jeden Tag. Als Sie noch in Ihrer Heimatstadt lebten, hatte ich erst kurz zuvor in die Familie eingeheiratet. Meine Schwiegermutter war noch jung, und doch biss ich ihr schon einen Finger ab. Später, als ich keine Kinder mehr bekommen konnte, wurden meine Stimmung und mein Temperament noch schlechter. Meine Schwiegermutter war mir natürlich nicht gewachsen. Jeden Tag schimpfte ich sie eine alte Schachtel, die einfach nicht sterben wollte. Wenn sie ausgehen wollte, beschimpfte ich sie als alte Hure und alte Hexe: Du gehst doch nur Männer suchen! Wenn du draußen stirbst, werde ich deine Leiche nicht holen! Meine Schwiegermutter wurde jedes Mal so wütend, dass sie mir noch ein paar Schimpfworte entgegnete, bevor sie hinausging. Sie verlor jedes Mal gegen mich; stets behielt ich die Oberhand. Manchmal schlug ich ihr den Kopf blutig. Dass ich ihr einen Finger abbiss, war eine Machtdemonstration, mit der ich ihr gleich nach meiner Heirat zeigen wollte, wer das Sagen hatte.
Ich starb zu Hause an Hepatitis. Ochsenkopf und Pferdegesicht zerrten mich in die Hölle. Yanwang wurde sehr zornig. Er sagte, ich hätte zu Lebzeiten andere durch verletzende Rede geschädigt, meine Schwiegermutter geschlagen und beschimpft und Himmel und Erde zornig verflucht. Damit hätte ich gegen kindliche Ehrfurcht, Rechtschaffenheit, Lauterkeit, Schamgefühl, Anstand und Respekt verstoßen. Er verurteilte mich zu vierhundert Jahren Strafe in der Hölle der Giftschlangen und der mit Nägeln durchbohrten Därme. Mir kommt es vor, als wäre ich schon sehr, sehr lange hier. Das Leiden hier ist wirklich unermesslich groß! Mein Leben lang hatte ich geglaubt, ich müsse nur laut und grausam genug sein, um die Menschen um mich herum niederzuhalten. Jetzt weiß ich endlich, dass ich im Unrecht war. Hu, hu, hu! Es tut so schrecklich weh!
Xiao Yuzi! Wie sind Sie denn in die Hölle gekommen? Ich flehe Sie an, retten Sie mich hier heraus!“
Da brüllte der Yakṣa grimmig: „Kein weiteres Geschwätz! Zurück zur Strafe, sofort! Ayu ist gerade damit beschäftigt, die Höllen zu besichtigen. Sie will ein Buch schreiben, um die Menschen auf den Weg zur Erlösung zu führen. Sie hat keine Zeit für dein Geschwätz. Verschwinde endlich!“ Schon schlug der Yakṣa mit seiner Gabel nach ihr.
Mir wurde ganz schwer ums Herz. Als der Richter der Unterwelt meinen traurigen Gesichtsausdruck sah, hielt er den Yakṣa zurück und ließ den schuldigen Geist noch eine Weile weiterreden. Er wollte hören, was sie noch zu sagen hatte.
Der Körper des weiblichen Geistes zitterte. Unter Schmerzen weinte sie: „Xiao Yuzi! Können Sie mich mitnehmen, damit ich mit Ihnen das Buch schreibe? In unserer Heimat weiß jeder, dass Sie durch den Einfluss und die Erziehung Ihrer Großmutter väterlicherseits schon als Kind zu einem hilfsbereiten Menschen geworden sind. Ich glaube fest daran, dass Sie mich retten werden, Xiao Yuzi. Sie werden mich gewiss nicht dem Tod überlassen, ohne zu helfen. Wir hatten zwar nur wenig miteinander zu tun, aber immerhin waren wir einmal Nachbarinnen. Nehmen Sie mich doch mit, damit ich mit Ihnen das Buch schreibe und die Menschen dazu bewege, keine verletzende Rede zu führen. Ich werde für Sie bezeugen, wie ich durch all meine verletzenden Worte in die Hölle gestürzt bin und hier leiden muss. Ich werde Ihnen helfen, die Menschen davon abzuhalten. Bitte, bitte retten Sie mich hier heraus!“
„Tante, Amitābha! Es macht mich sehr traurig, Sie in der Hölle zu sehen. Auch ich möchte Sie so bald wie möglich retten, doch mir fehlt die Kraft, Sie von hier fortzubringen. Nur durch die Segenskraft des Buddha kann ich die Höllen besichtigen und das Buch Die unerbittlichen Gesetze der Unterwelt schreiben. Wer dieses Buch schreibt, bestimmt der Buddha; ich bin nicht befugt, darüber eigenmächtig zu entscheiden. Ich bin eine buddhistische Schülerin, halte die fünf Gebote ein, rezitiere den Namen des Buddha und ernähre mich rein vegetarisch. Tante, fassen auch Sie den Entschluss, den Namen des Buddha zu rezitieren und Ihre Verfehlungen zu bereuen! Ich werde Ihnen gewiss das Verdienst aus dem Schreiben dieses Buches widmen, damit Sie bald das Leid hinter sich lassen, Glück erlangen, ins Reine Land aufsteigen und dort aus einer Lotusblüte geboren werden. Ich werde versuchen, bei diesem Herrn Richter der Unterwelt für Sie um Gnade zu bitten. Hoffentlich kann ich Ihnen damit helfen!“
Da sagte der weibliche Geist: „Ich flehe Sie an, Herr Richter! Ich flehe Sie an! Ich werfe mich vor Ihnen nieder und schlage mit der Stirn auf den Boden. Ich habe den Tod verdient! Ich habe den Tod verdient! Zu Lebzeiten habe ich nichts Gutes getan. Jetzt wünsche ich mir sehr, wie Xiao Yuzi etwas Gutes für die Allgemeinheit zu tun. Ich flehe Sie an! Ich habe wirklich eingesehen, dass ich im Unrecht war!“
Der Richter der Unterwelt sagte: „Zu Lebzeiten hast du andere durch verletzende Rede geschädigt und deine Schwiegermutter geschlagen, beschimpft und beleidigt. Diese schwere Verletzung der kindlichen Ehrfurcht verstößt gegen das Gesetz der Unterwelt. Die Gesetze der Unterwelt bestrafen Niedertracht und Böses. Sobald jemand das schlechte Karma geschaffen hat, das ihn in die Hölle stürzen lässt, halten ihn diese Gesetze fest. Erst wenn das gesamte schlechte Karma aufgezehrt ist, kann er die Hölle verlassen. Die Gesetze der Unterwelt gewähren dir keine Strafminderung aus persönlicher Gefälligkeit, weil du jemanden kennst, der hier arbeitet. Selbst bei so engen Angehörigen wie Vater und Sohn zählt keine verwandtschaftliche Bindung. Jeder, der gegen die Gesetze der Unterwelt verstößt, muss bestraft werden. Selbst wenn das Opfer dir verzeiht, selbst wenn deine Schwiegermutter dich in keiner Weise mehr zur Verantwortung zieht und dir deinen Mangel an kindlicher Ehrfurcht vergibt, lassen dich die unparteiischen und gerechten Gesetze der Unterwelt nicht davonkommen. Nach dem Kausalgesetz der Unterwelt werden Ochsenkopf und Pferdegesicht dich unerbittlich zur Bestrafung in die Hölle bringen, sobald deine Lebenszeit in der Menschenwelt und deine Segnungen erschöpft sind. Ich weiß durchaus, dass sich jetzt vorübergehend Reue in dir regt. Da du heute sehr bereitwillig mitgewirkt hast, werde ich den Yakṣa anweisen, dies als einmalige Mitwirkung und Reue zu verzeichnen und einem einmaligen Hören der Dharma-Lehre in der Unterwelt gleichzustellen. Weil du zu Lebzeiten die kindliche Ehrfurcht missachtet hast, ist es nun zu deiner karmischen Folge geworden, dass deine Nachkommen keine dem rechten Weg und dem Dharma entsprechenden guten Taten vollbringen, Verdienste sammeln und sie dir widmen. Du und Ayu wart einst entfernte Verwandte. Diese karmische Verbindung ist nun gereift und hat euch heute die Gelegenheit gegeben, für kurze Zeit zusammenzukommen. Ich hoffe, du weißt diese vergängliche gute Verbindung zu schätzen.
Auch in der Unterwelt erhalten Menschen, die aufrichtig bereuen, die Gelegenheit, den Dharma zu hören und Befreiung zu erlangen. Voraussetzung ist jedoch, dass deine eigenen Gedanken der Reue eine bestimmte Helligkeit erreichen. Sobald die Yakṣas dies sehen, werden sie dich von selbst zu einer Dharma-Unterweisung durch Kṣitigarbha bringen. Diese besonders kostbare Gelegenheit, den Dharma zu hören, steht allen gleichermaßen offen. Wenn du eine gewisse Zeit lang aufrichtig bereut hast, wird dies ganz von selbst einen Yakṣa dazu bewegen, deine Strafe auszusetzen und dich zur Unterweisung zu bringen. Jedes Hören der Lehre wird von den Yakṣas der Unterwelt verzeichnet. Jedes Mal wird dein geistiges Wesen durch den Klang von Kṣitigarbhas mitfühlender Dharma-Lehre gereinigt, zum Guten gewandelt und gesegnet. Noch ist das Licht deiner Reue nicht hell genug. Geh zunächst zurück und trage dein Karma weiter ab.“