„Richter der Unterwelt! Wie rettet Kṣitigarbha die Wesen in der Hölle? Darf ich mir das einmal ansehen?“
Der Richter der Unterwelt sagt: „Kṣitigarbha rettet unablässig die leidenden Wesen in der Hölle und führt sie aus dem Meer des Leidens heraus. Nicht einmal für eine Sekunde hat er damit aufgehört. Hier in unserer Unterwelt gibt es eine Halle für Dharma-Versammlungen namens ‚Mingguang Chuzhuan‘. In dieser Halle lehrt Kṣitigarbha unablässig den Dharma und unterweist die Wesen der Unterwelt.“
Neugierig frage ich: „Leiden die Wesen in der Hölle nicht jeden Augenblick? Woher nehmen sie dann die Zeit, den Dharma zu hören? Und wer seine Vergeltung bereits vollständig erlitten hat, verlässt doch sofort die Hölle und setzt seinen Weg im Kreislauf der Wiedergeburten fort, oder?“
Der Richter der Unterwelt sagt: „Die Wesen in der Hölle sind eigentlich genauso wie die Wesen in der Menschenwelt. Sie sind alle im Kreislauf der sechs Daseinsbereiche hierher herabgesunken. Manche kommen aus den höheren Bereichen der Himmelswesen, Asuras oder Menschen, andere aus den Geister- oder Tierbereichen, die zu den drei niederen Daseinswegen gehören. Sie sind durch den Kreislauf der Wiedergeburten hierhergelangt. Ihre Herzensnatur ist dieselbe; sie alle besitzen das angeborene Licht ihrer ursprünglichen Natur in vollem Umfang. Nur haben sie sich durch verkehrte, verblendete Vorstellungen von ihrer Herzensnatur entfernt und alle möglichen Verstöße gegen die Gebote begangen, etwa Lebewesen getötet und Leben vernichtet. Dadurch sind sie herabgesunken. Für jeden Geist wird der Tag kommen, an dem er zum Licht seiner eigenen Natur zurückkehrt. Doch wie lange das dauert, kann sich unterscheiden wie Himmel und Erde. Alle Wesen, die in die Hölle gelangen, benötigen sehr, sehr lange, um das angeborene Licht ihrer geistigen Natur wiederherzustellen. Denn die verunreinigenden Gewohnheiten der Geister in der Hölle sind zu stark, und auch ihr schlechtes Karma wiegt schwer. Selbst wenn in äußerst seltenen Fällen ein einziger Gedanke der Reue in ihnen aufkommt, werden sie bald wieder vom leidvollen schlechten Karma fortgerissen. Kṣitigarbha hat deshalb das große Gelübde abgelegt:
‚Solange die Höllen nicht leer sind, gelobe ich, kein Buddha zu werden;
erst wenn alle Wesen gerettet sind, werde ich Bodhi verwirklichen!‘
Voller Mitgefühl sagte der Bodhisattva zu Yanwang, dem König der Unterwelt: ‚Jeder Geist, der in der Unterwelt eine Strafe erleidet und in dem auch nur für einen Augenblick ein Gedanke der Reue entsteht, darf in die Halle Mingguang Chuzhuan kommen, um den Dharma zu hören, und ist vorübergehend von der Bestrafung befreit.‘“87
Ich sage: „Das ist wirklich wunderbar! Dann müssten doch sehr viele Höllenwesen bereits aufgestiegen sein.“
Der Richter der Unterwelt sagt: „Die Zahl der Wesen, die in der Hölle Strafen erleiden, ist tatsächlich unendlich. Ayu, du hast die Hölle des sexuellen Fehlverhaltens schon besucht. Bereits in einer ihrer Höllen, der ‚Hölle der Peitschen und Stöcke‘, gibt es so viele Wesen, dass kein Ende abzusehen ist. Und es gibt noch sehr viele Höllen, die du noch nicht besucht hast. Im Verhältnis dazu sind diejenigen, in denen auch nur ein Gedanke der Reue aufkommen kann, wirklich äußerst, äußerst wenige. Die Buddhas und Bodhisattvas sind mitfühlend. In jedem Augenblick unterweisen sie die leidenden Wesen entsprechend deren Voraussetzungen, um sie zu retten, und treffen dafür zudem alle möglichen geschickten Vorkehrungen. Doch haben die Wesen das je von Herzen nachempfunden? Ayu, auch deine Arbeit, für die du in die Hölle kommst, wurde vom Buddha aus Mitgefühl ermöglicht. Die Unterwelt hofft ebenfalls, diese Gelegenheit nutzen zu können, um die Herzen der Menschen zu reinigen, damit die Wesen fest an Ursache und Wirkung glauben und kein schlechtes Karma schaffen, das in die Hölle führt.“
Wir sind in der Halle Mingguang Chuzhuan in der Hölle angekommen. Ich werfe mich vor Kṣitigarbha nieder! Sobald ich ihn sehe, füllen sich meine Augen mit heißen Tränen, und Dankbarkeit steigt ganz von selbst in mir auf! Erneut werfe ich mich stellvertretend für alle Wesen vor Kṣitigarbha nieder! Mögen alle Wesen vom Leiden frei werden und Glück erlangen. Mögen alle Wesen froh und glücklich sein. Mögen alle Wesen eifrig praktizieren und bald Bodhi und die Buddhaschaft verwirklichen.