„Verehrter Richter der Unterwelt! Heute möchte ich einige Fragen stellen: Es heißt, dass manche lebenden Menschen das Buch von Leben und Tod in der Unterwelt einsehen können. Stimmt das? Existiert das Buch von Leben und Tod wirklich, und was für ein Buch ist es? Ich habe gehört, dass man den Menschen durch Wahrsagerei die Dinge voraussagen kann, die im Buch von Leben und Tod verzeichnet sind. Steht schon vor der Geburt fest, wie viel jemand zu essen und anzuziehen haben wird? Wenn die Lebensspanne bei der Geburt bereits festgelegt ist, kann man dann die ursprünglich bestimmte Lebensdauer verlängern, indem man auf die Gesundheit achtet, einen geregelten Tagesablauf hat, maßvoll isst und sich viel bewegt? Oder lässt sich das Festgelegte überhaupt nicht ändern? Kann das Schicksal verändert werden? Kann eine Bitte um Verlängerung des Lebens erfüllt werden? Gibt es eine zahlenmäßige Grenze dafür, um wie viel die Lebensdauer verlängert oder verkürzt werden kann? Vielen Dank, verehrter Richter der Unterwelt!“
Der Richter der Unterwelt antwortete: „In der Menschenwelt gibt es tatsächlich Menschen, die in die Unterwelt kommen können, um das Buch von Leben und Tod einzusehen. Lebende Menschen, die dazu in die Unterwelt gelangen können, sind natürlich keine gewöhnlichen Menschen. Dafür müssen besondere karmische Bedingungen vorliegen. Lebende Menschen, deren Lebensspanne noch nicht abgelaufen ist, können nicht in die Unterwelt kommen. Im Wesentlichen kommen zwei Arten von Menschen hierher: Die einen werden von ihrer karmischen Kraft hergeführt. Das heißt, sie haben zu Lebzeiten die verschiedenen schlechten Taten begangen, die zur Hölle führen, und kommen entsprechend ihrem Karma hierher, um die Vergeltung zu empfangen, ohne selbst darüber bestimmen zu können. Zusammenfassend gehören ihre Verfehlungen zu den drei Kategorien körperliches, sprachliches und geistiges Karma. Körperliches Karma umfasst die drei Hauptarten Töten, Stehlen und sexuelles Fehlverhalten. Sprachliches Karma umfasst die vier Hauptarten Lügen, ausschweifende Rede, verletzende Rede und Zwietracht säende Rede. Geistiges Karma umfasst die drei Hauptarten Gier, Hass und Verblendung. 112
Die Seelen der eben genannten Wesen aus der Menschenwelt, die Verfehlungen der drei körperlichen, vier sprachlichen und drei geistigen Arten begangen haben, kehren nach dem Ende ihrer Lebensspanne in die Unterwelt zurück. Hier gebe ich nur einen kurzen, groben Überblick; im Einzelnen gibt es noch viele weitere Einteilungen, auf die ich hier nicht näher eingehe. Es gibt auch Wesen, deren Handlungen zu Lebzeiten weder gut noch schlecht waren; bei ihnen hielten sich Gutes und Schlechtes die Waage. Nach dem Ende ihrer Lebensspanne werden sie im Wohngebiet der einfachen Bewohner des Geisterreichs wiedergeboren. Auch sie gehören zur ersten Art.
Die zweite Art kommt durch die Kraft des Buddha, die Kraft der Gelübde und die Kraft von Segnungen und Verdiensten hierher. Solche lebenden Menschen sind stets Praktizierende mit einem besonderen Auftrag in der Menschenwelt. Sie halten die reinen Gebote streng ein und helfen überall dort, wo sich die Bedingungen ergeben, den Leidenden, damit die fühlenden Wesen sich vom Leid lösen und Glück erlangen. Um die Wesen zu retten, verbreiten sie überall den rechten Dharma. Wenn solche Praktizierenden die Wesen retten wollen, können sie in die Unterwelt kommen, um das Buch von Leben und Tod einzusehen. Solche Fälle sind jedoch äußerst selten. 112
In der Unterwelt wird das Buch von Leben und Tod vom Richter der Unterwelt verwaltet, der es gewöhnlich in den Händen hält. Darin ist verzeichnet, ob die Segnungen jedes Menschen gering oder groß sind: wie viel er zu essen und anzuziehen hat, sein Land- und Hausbesitz, sein Familienvermögen, seine Eltern, Brüder, Schwestern und übrigen nahen Angehörigen, Krankheiten, Katastrophen und Schicksalsschläge sowie die Länge seiner Lebensspanne. All dies ist ausführlich darin festgehalten.
Beispielsweise steht dort, dass ein bestimmter Mensch in einem bestimmten Jahr und Monat, an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Stunde und Minute an einem bestimmten Ort sterben wird. All dies wird schon vor seiner Geburt in der Menschenwelt in das Buch von Leben und Tod eingetragen und darf nicht beliebig geändert werden. Für eine Änderung müssen die Angaben der mitgeborenen Gottheiten vorliegen, die jedes Wesen begleiten. Erst nach der Genehmigung durch Yanwang, den höchsten Herrscher der Unterwelt, darf die Änderung vorgenommen werden.
Durch Wahrsagerei lassen sich den lebenden Menschen durchaus die Dinge voraussagen, die im Buch von Leben und Tod verzeichnet sind. Ein Wahrsager braucht nur die genauen acht Zeichen der Geburtszeit eines Menschen, um Glück und Unglück, Segnungen und Unheil in dessen Leben zu berechnen. Doch er kann sie nur berechnen, nicht verändern. Überall in der Menschenwelt behaupten Leute, sie könnten das Schicksal, das Vermögensglück, die Ehe, die berufliche Laufbahn und dergleichen verändern. Meist ist das eine auf Geldmacherei angelegte Geschäftsmethode. Viele Menschen sind tief beeindruckt, weil ein Wahrsager vergangene Ereignisse oder etwa die Zahl ihrer Familienangehörigen genau nennen kann, und meinen, einem außergewöhnlich befähigten Menschen begegnet zu sein. Manche Wahrsager beherrschen zwar die Weissagungskünste so gut, dass sie dies berechnen können, doch in vielen Fällen ist der Wahrsager tatsächlich von einem Geistkörper besessen. 113
Geistkörper verfügen über übernatürliche Fähigkeiten wie das Erkennen der Gedanken anderer. Sie können die Gedanken und Vorstellungen der Person, der geweissagt wird, sowie einige vergangene Ereignisse kennen. Die lebenden Menschen können jedoch überhaupt nicht erkennen, was dahintersteckt, und schätzen sich noch glücklich, einem außergewöhnlich befähigten Menschen begegnet zu sein. So gehorchen sie dem Wahrsager aufs Wort. Danach beginnt eine ganze Reihe sogenannter Maßnahmen zur umfassenden Verbesserung des Schicksals: das Glück wenden, zwischenmenschliche Beziehungen verbessern, das Glück im Beruf, bei der Partnersuche und in Gesundheitsfragen steigern, Feng-Shui-Anordnungen aufstellen und vieles mehr. Ohne es zu merken, geben sie viel Geld aus und verschwenden reichlich Zeit. Tatsächlich hat sich das festgelegte Schicksal jedoch kein bisschen verändert. Die Katastrophen kommen genauso, man wird weiterhin krank und muss am Ende dennoch sterben.
Wer sein Schicksal verändern will, sollte nicht einen Wahrsager aufsuchen, damit dieser es für ihn verändert. Wer sein Schicksal wirklich neu schreiben will, muss sich auf sich selbst verlassen. Vollbringt viele gute und verdienstvolle Taten und erwirkt euch selbst mehr Segnungen, dann braucht ihr euch nicht wahrsagen zu lassen. Wer Segnungen besitzt, findet von selbst wohlwollende Helfer; Gesundheit, Familie, Beruf, Partnerschaft und anderes entwickeln sich von selbst nach seinen Wünschen. Andere können höchstens unterstützend Hinweise geben. Gute Taten muss man selbst tatsächlich vollbringen, sie stets im Sinn behalten und ihnen morgens wie abends ohne Unterbrechung nachgehen. Dann kann sich das festgelegte Schicksal verändern, und das persönliche Buch von Leben und Tod kann von da an neu geschrieben werden!
Ayu, du musst wissen: Selbst wenn manche Menschen ihr ganzes Leben lang auf ihre körperliche Gesundheit achten, einen geregelten Tagesablauf haben, maßvoll essen, ausreichend schlafen, sich viel bewegen und dergleichen, verlängert keiner dieser Faktoren ihre ursprünglich festgelegte Lebensspanne. Das bereits Festgelegte lässt sich dadurch grundsätzlich nicht verändern. Natürlich erleidet jemand, der seinen Körper im Alltag gut pflegt, weniger körperliche Schmerzen durch Krankheiten.