Die beiden Torgötter sahen nicht besonders grimmig aus. Sie waren eher von kräftiger Statur, wie große Krieger aus alter Zeit. Die Residenz des Chenghuang war sehr groß, wieder ein Anwesen vom Rang einer Amtsresidenz der Unterwelt. Ringsum gingen einige Mitarbeiter in der Tracht von Tudigong umher. Wenn sie den Richter sahen, grüßten sie ihn alle lächelnd und ehrerbietig.
Ich sah geradeaus zwei große Ehrentore, eines links und eines rechts. Auf dem linken stand: „Verborgenes Verdienst bringt lang währenden Segen“, auf dem rechten: „Öffentliches Verdienst bringt flüchtigen Segen“. Mittig an dem Gebäude vor uns standen die drei großen Schriftzeichen für „Palast des Segens und der Tugend“.12
Der linke Torgott sagte: „Bitte treten Sie ein, Herr Richter und Laiin Ayu. Herr Chenghuang arbeitet gerade in der großen Halle.“
Der Chenghuang sah aus wie ein gütiger älterer Herr aus alter Zeit und trug schwere altertümliche Gewänder. Als er uns erblickte, lächelte er.
„Ich, die einfache Bürgerin Shangguan Yuhua, entbiete Ihnen meine Ehrerbietung, Chenghuang! Bei meinem heutigen Besuch möchte ich Sie fragen: Durch welche Ursachen und Bedingungen gelangte Yanwang, der oberste Befehlshaber der Unterwelt, in das höchste Amt der Unterwelt?
Seit meiner Kindheit weiß ich von einem König der Unterwelt, der gerecht handelt. In diesem Leben hörte ich zum ersten Mal durch meine Großmutter väterlicherseits von ihm. Ich erinnere mich, wie ich als Kind oft mit ansehen musste, dass meine Großmutter von ihren Schwiegertöchtern unterdrückt, geschlagen und beschimpft wurde. Sie ertrug es jedes Mal geduldig und klagte meinem Vater und den jüngeren Brüdern meines Vaters nie ihr Leid. Sie glaubte fest daran, dass es in der Unterwelt einen grimmigen König gab, und lehrte mich immer wieder, im Umgang mit anderen in allem auf Geduld zu bauen. Häufig kommen mir ihre mahnenden Worte in den Sinn: ‚Du kleines Dummerchen, merk dir: Fürchte dich nicht davor, den Kürzeren zu ziehen, zu Unrecht beschuldigt oder missverstanden zu werden. Der Himmel sieht, was wir tun. Jeder Mensch muss sterben, und in der Unterwelt gibt es einen König, der ganz von selbst alles gerecht regeln wird. Solange wir uns durch unser Handeln an niemandem vergehen, warum sollten wir uns dann daran stören, benachteiligt, zu Unrecht beschuldigt oder missverstanden zu werden? Wenn eine Familie zusammenlebt, muss immer jemand die verschiedenen Belastungen tragen und auflösen. Das Verhalten und die Worte der Frauen der jüngeren Brüder deines Vaters gehen zwar zu weit, doch ich bin die Ältere und ertrage es allein. Es genügt mir, wenn dadurch die Harmonie der Familie erhalten bleibt. Aber du, mein kleines Dummerchen, darfst auf keinen Fall ihr schlechtes Verhalten nachahmen und andere schlagen oder beschimpfen. Sonst wirst du, wenn du erwachsen bist und in die Familie deines Mannes einheiratest, Abneigung und Ablehnung hervorrufen. Als Frau muss man unbedingt geduldig sein können. Wir werden niemals etwas tun, das anderen schadet. Lieber sollen andere uns Unrecht tun, solange wir ihnen kein Unrecht tun. Wenn andere uns Unrecht tun, halten wir uns mit solchen Kleinigkeiten nicht auf, nehmen sie uns nicht zu Herzen und vergessen sie. Der Himmel und der König der Unterwelt werden es wissen.‘
Schon als kleines Kind hörte ich meine Großmutter immer wieder davon sprechen, wie gerecht Yanwang sei und dass er alles wisse. Ich möchte nach Yanwang, dem obersten Herrscher der Unterwelt, fragen: Warum bekleidet Yanwang dieses Amt in der Hölle?“
Der Chenghuang: „Willkommen in der Unterwelt, Ayu, um hier Ihre Gespräche zu führen. Alle Ränge unserer Unterwelt unterstützen die Veröffentlichung von Die unerbittlichen Gesetze der Unterwelt mit aller Kraft. Nichts in der Welt steht außerhalb von Ursachen, Bedingungen und karmischen Folgen. In einem früheren Leben waren Sie und Ihre Großmutter Mutter und Tochter. In jenem Leben verspottete Ihre Großmutter Sie dafür, dass Sie den Buddha verehrten. Zum Glück blieb es beim Spott; sie unternahm nichts Weiteres, um Sie daran zu hindern. Als das Karma aus diesem Spott über Ihre Buddha-Verehrung reifte, führte es dazu, dass sie in diesem Leben einen gekrümmten Rücken hatte und von ihren Angehörigen unterdrückt, geschlagen und beschimpft wurde. Zu ihren Gunsten sprach, dass sie angesichts der verschiedenen widrigen Bedingungen und Belastungen ihres Familienlebens in diesem Leben keinen Zorn hegte und ihr schwarzes Karma dadurch nicht vermehrte. Weil sie die Widerwärtigkeiten geduldig hinnahm, tilgte sie den jeweiligen Umständen entsprechend altes Karma und mehrte zugleich die Segnungen, die ihr später einen Aufstieg in die Himmelswelt ermöglichten.
Jedes fühlende Wesen gestaltet selbst sein künftiges Leben. Alle Menschen unterliegen drei Arten von Karma: gutem Karma, schlechtem Karma und ethisch neutralem Karma. Nehmen wir etwa drei Menschen, die zur selben Zeit das gleiche schwarze Kleidungsstück kaufen. Person A kauft es, um es einem armen Nachbarn zu schenken: Auf Schwarz sieht man Schmutz weniger leicht, sodass das Kleidungsstück nicht ständig gewaschen werden muss; das ist praktisch. A schafft damit gutes Karma und wird künftig gute karmische Früchte erfahren. Person B hingegen denkt daran, dass dieses schwarze Kleidungsstück nachts beim Stehlen nützlich sein wird. B schafft schlechtes Karma und wird künftig schlechte karmische Früchte erfahren. Person C hat nichts zu tun, und es ist ihr gleichgültig, ob sie etwas kauft oder nicht. Weil der Ladeninhaber sie zum Kauf auffordert, kauft sie es. C schafft ethisch neutrales Karma und wird künftig die Folgen dieses neutralen Karmas erfahren. Überwiegt das gute Karma, folgen Wiedergeburten als Mensch oder in der Himmelswelt. Überwiegt das schlechte Karma, fällt man in die Daseinsbereiche der Höllen, hungrigen Geister oder Tiere. Überwiegt das ethisch neutrale Karma, gelangt man meist in den Menschen- oder Geisterbereich. Damit hat man die drei Welten noch nicht verlassen. Wer aus den drei Welten heraustreten, Geburt und Tod hinter sich lassen und die große, dauerhafte Befreiung erlangen will, muss die Gebote einhalten, den Namen des Buddha rezitieren und die verschiedensten guten Taten verborgenen Verdienstes vollbringen. Man muss den großen Bodhi-Geist und gute Gelübde hervorbringen: nach oben den unübertroffenen Buddha-Weg suchen und nach unten alle leidenden Wesen zum Heil führen. Es dürfen nur reine gute Gelübde vorhanden sein, ohne irgendwelche selbstsüchtigen Gedanken oder störenden Beimischungen. Wenn sich auch nur ein ganz geringer Anteil selbstsüchtiger Gedanken oder störender Beimischungen in diese guten Gelübde mischt, muss man künftig auch die karmischen Folgen dieses noch so geringen Anteils selbst tragen.
Warum aber wurde Yanwang zum höchsten Herrscher der Unterwelt? In einem seiner früheren Leben war er in der Menschenwelt ein großer General von unerschütterlicher Rechtschaffenheit. Er befehligte mehrere große Truppenverbände. In einer großen Schlacht setzte der Feind hinterhältige und listige Strategien ein. Der rechtschaffene General war ihm dadurch unterlegen und erlitt eine schwere Niederlage. In tiefster Trauer schwor er damals dem Himmel: ‚Jetzt habe ich hilflos diese schwere Niederlage erlitten. Wenn sich mir künftig eine Gelegenheit bietet, werde ich unbedingt Rache nehmen und alle gesetzesbrecherischen, hinterhältigen und listigen Übeltäter streng bestrafen. Ich will sie dazu bringen, sich aufrichtig zu bessern und wieder gute Menschen zu werden.‘