Plötzlich kam ein Beamter der Unterwelt und meldete, dass es in der Gerichtshalle eine Angelegenheit gebe, um die sich der Richter kümmern müsse. Daraufhin sagte mir der Richter, ich solle mich allein weiter umsehen. Bei Fragen könne ich mich an Kṣitigarbha wenden. Ich legte die Hände zusammen, verneigte mich und dankte dem Richter!
Nun gab mir Kṣitigarbha ein Zeichen, nach oben zu fliegen. Da gleich die Tore der Avīci-Hölle geöffnet werden sollten, sorgte er sich, dass mich das glühende Magma verletzen könnte. Auf Kṣitigarbhas mächtige übernatürliche Kraft gestützt, stieg ich zu einer Stelle unterhalb des Bodhisattva empor und stand dort mitten in der Luft. Währenddessen ließ sich der Dharma-Beschützer Min Gong vor den mehrfachen Eisentoren der Avīci-Hölle nieder. Zwei Geisterschergen öffneten ein Tor, kamen heraus und schlossen es sofort wieder vorsichtig. Sie sagten, sie befürchteten, das Magma könnte auf den Dharma-Beschützer Min Gong spritzen. Min Gong sagte, der Unterweltskönig habe angeordnet, einige schuldige Geister herauszulassen, damit ihre Fälle Ayu als Material dienen könnten. Kṣitigarbha wies an, drei schuldige Geister vorzuführen. Normalerweise konnte aus der Avīci-Hölle kein einziger schuldiger Geist herausgelassen werden. Die Geisterschergen gingen also wieder hinein und führten drei schuldige Geister heraus. Es waren zwei männliche und ein weiblicher Geist. Ihre Schmerzen waren so groß, dass sie nicht stehen konnten. Sie konnten überhaupt kein Wort hervorbringen. Ihre ganzen Körper waren von Schlamm bedeckt, wund und bis zur Unkenntlichkeit zerfallen. Sie waren so erbarmungswürdig, dass ich bei ihrem Anblick hätte weinen mögen!
In diesem Augenblick nahm Dharma-Meister Daoming das rote Juwel aus Kṣitigarbhas Hand entgegen und begann, ein Mantra zu rezitieren. Das Juwel des Bodhisattva strahlte hell auf und durchleuchtete die Avīci-Hölle. Sofort wurde es in der gesamten Avīci-Hölle unvergleichlich kühl und still. Kein Schmerzenslaut war mehr zu hören, und auch das Magma war nicht mehr heiß. Meine ganze Anspannung verschwand ebenfalls. An ihre Stelle trat ein Gefühl der Ruhe, der Geborgenheit und der Leichtigkeit. Als ich genau hinhörte, erkannte ich die Dhāraṇī Kṣitigarbhas. Dieses Mantra mag ich sehr. Nachdem der Dharma-Meister eine Weile rezitiert hatte, kehrte bei den drei schuldigen Geistern allmählich das Empfindungsvermögen zurück, und sie kamen wieder zu sich. Ein männlicher Geist konnte nun auf dem Boden knien.
Kṣitigarbha sagte: „Shangguan Yuhua aus der Welt der Lebenden soll im Auftrag der Unterwelt das Buch zur Förderung des Guten Die unerbittlichen Gesetze der Unterwelt verfassen, um die Menschen dazu zu bewegen, vom Bösen abzulassen und zum rechten Weg zurückzukehren. Erzähle Ayu nun, wie du in die Avīci-Hölle gekommen bist. Was hast du zu Lebzeiten getan?“ Unter bitterem Weinen und Tränen sagte der männliche Geist, er habe zu Lebzeiten gezielt aphrodisierende Mittel für sexuelles Fehlverhalten entwickelt und außerdem selbst einige sexuell anstößige Bücher sowie Discs mit Darstellungen von Selbstbefriedigung hergestellt. Damit habe er zu Lebzeiten viel Geld verdient. Dies seien die einzigen Dinge gewesen, die er in seinem ganzen Leben falsch gemacht habe. Jetzt wisse er, dass es falsch gewesen sei, und flehe den Bodhisattva an, ihn zu retten. Kṣitigarbha belehrte den männlichen Geist: „Aphrodisierende Mittel für sexuelles Fehlverhalten sowie entsprechende Bücher und Discs zerstören die gute Herzensnatur der Menschen. Besonders Discs mit Darstellungen von Selbstbefriedigung erschüttern die Herzensnatur von Jungen, deren Körper noch reines Yang besitzen. Wenn sie diese schlechte Gewohnheit annehmen, beschreiten sie fortan einen Weg zur Hölle, der den Körper schädigt, das Leben gefährdet und das Leben ihrer Weisheit abschneidet. Dafür gewähren die Gesetze der Unterwelt keine Vergebung. Erst wenn die von dir in der Welt der Lebenden hergestellten Gegenstände des sexuellen Fehlverhaltens vollständig verschwunden sind, darfst du die Hölle verlassen.“ Kaum hatte der Bodhisattva seine Belehrung beendet, wurde der schuldige männliche Geist sofort wieder hineingestoßen.97
Nun war der weibliche Geist an der Reihe. Sie sagte: „Zu Lebzeiten war ich schön, hatte eine hohe Bildung und konnte mich gut ausdrücken. Doch meine Gier und mein Hochmut waren sehr groß, und ich war stark von Neid erfüllt. Obwohl ich verheiratet war, verachtete ich meinen Mann. Auch seinen alten Eltern erwies ich keine kindliche Pietät. Ich beschimpfte sie oft und sprach bissig und verletzend. Mit meiner Schönheit begann ich heimlich mehrere außereheliche Beziehungen. Durch geschickte Worte brachte ich die Männer dazu, mir ihr ganzes Geld zu geben. Danach weckte ich in ihnen Minderwertigkeitsgefühle und kränkte sie so sehr, dass sie starben. Ich hielt mich für klug und glaubte, niemand wisse davon. Die drei Männer, die durch meine Kränkungen gestorben waren, erhoben am Ende ihrer Lebenszeit bei Yanwang Anklage gegen mich. Yanwang befahl ihnen dreien, in die Menschenwelt hinaufzugehen, meine Seele zu holen und mich zur Bestrafung in die Hölle zu bringen. Bevor ich in die Avīci-Hölle kam, hatte ich bereits in anderen Höllen allerlei Strafen erlitten. Ich flehe den Bodhisattva an, mich hier herauszuholen. Wenn ich draußen bin, werde ich ganz gewiss ein neuer Mensch werden und niemanden mehr betrügen.“
Kṣitigarbha sagte: „Deine wohlgestalteten Gesichtszüge sind die Frucht davon, dass du in einem früheren Leben dem Buddha mit aufrichtigem Herzen Blumen dargebracht hast. Deine Redegewandtheit und deine Weisheit sind die Frucht davon, dass du in einem früheren Leben Sutren gelesen und den Dharma gehört hast. Doch dein Hochmut hat dein Leben steil abwärtsgeführt. Du musst bereuen und tief darüber nachdenken, wie groß die vier Arten empfangener Wohltat sind. Verbleibe hier in der Avīci-Hölle und übe aufrichtige Reue!“ Kaum hatte Kṣitigarbha zu Ende gesprochen, wurde der weibliche Geist von einem Geisterschergen mit einer Gabel hineingestoßen. Nur noch ein entsetzlicher, gellender Schrei war zu hören.
Dann kam der andere männliche Geist an die Reihe. Er sagte, er habe zu Lebzeiten gefälschte Arzneirohstoffe hergestellt und selbst verkauft. Außerdem habe er gefälschte alkoholische Getränke verkauft und heimlich mit Waffen gehandelt. Nachdem er viel Geld verdient hatte, habe er sein Unternehmen immer weiter vergrößert. Er habe auch den Ruf anderer durch Verleumdungen geschädigt, um sein eigenes Unternehmen bekannter zu machen. Nach seiner Ankunft in der Hölle habe er sein Unrecht erkannt, doch da sei es bereits zu spät gewesen!
Der männliche Geist sagte: „Bodhisattva, bitte rettet mich und holt mich hier heraus! Ich flehe Euch an, die Qualen hier sind wirklich zu groß! Selbst wenn ich nur ein weiterer Hund an Eurer Seite sein dürfte, wäre ich einverstanden. Ich könnte hinter diesem Hund von Euch herlaufen und als kleiner Hund an Eurer Seite jede Mühe und jede Kränkung klaglos hinnehmen. Bodhisattva, bitte holt mich hier heraus!“
Kṣitigarbha belehrte ihn: „Der Verkauf gefälschter Arzneirohstoffe und der Waffenhandel gefährden das Leben der Menschen schwer. Schon die Gesetze der Welt der Lebenden verbieten dies streng; die Gesetze der Unterwelt bestrafen es noch härter. Wer dies tut, wird am Ende seiner Lebenszeit in die Avīci-Hölle geworfen und kann niemals daraus emporsteigen. Du musst in der Avīci-Hölle aufrichtig bereuen! Dieses Wesen an meiner Seite ist kein Hund. Es heißt Di Ting. Di Ting übt sich auf dem spirituellen Weg. Es ist eine Manifestation meiner Herzensnatur und kein Tier, das aus dem Kreislauf der Wiedergeburten in den sechs Daseinsbereichen hervorgegangen ist.“
„Verehrter Kṣitigarbha, darf ich, Ayu, mit Di Ting sprechen?“